Dienstag, 8. November 2011
50+1 – jetzt aber richtig!

Für die Mitgliederversammlung des 1. FC Köln 01/07 e.V. am kommenden Sonntag haben Joachim Lammert und Boris Gehlen einen Antrag eingereicht, der in Abstimmung mit der IG Unsere Kurve darauf abzielt, bei der anstehenden Neufassung der 50+1-Regel im Rahmen von DFL/Ligaverband für einen Erhalt dieser Regel und gegen deren Aufweichung einzutreten.
Das Fan-Projekt 1. FC Köln 1991 e.V. befürwortet diesen Antrag und skizziert im Folgenden kurz seine Beweggründe:
Die Lage
Die bisherige Regelung sah vor, dass Investoren nur dann die Stimmenmehrheit an einem Lizenznehmer der DFL übernehmen können, wenn sie a) mehr als zwanzig Jahre substantiell die Arbeit eines Fußballvereins gefördert haben und b) diese Voraussetzung bereits vor dem 1.1.1999 erfüllt haben. Die Entscheidung, ob die Maßgaben erfüllt sind, obliegt dem Ligavorstand.
Gegen die „Stichtagsregelung“ hatte nun Martin Kind geklagt und dabei nachvollziehbar argumentiert, diese stelle eine Wettbewerbsverzerrung dar, weil beide Punkte a) und b) nur von zwei Lizenznehmern erfüllt werden konnten, nämlich der VFL Wolfsburg-Fußball GmbH und der Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH. Alle anderen Vereine, die die Voraussetzungen für a) erfüllten, für b) aber nicht, seien somit im Wettbewerb benachteiligt. Dieser Rechtsauffassung folgte das Schiedsgericht und erklärte den Passus „vor dem 1.1.1999“ für unwirksam und gab dem Ligaverband mit auf den Weg, die Bestimmungen entsprechend zu ändern.
Die Optionen
Wie dies geschehen soll, ist also Angelegenheit von DFL bzw. Ligaverband, also des Zusammenschluss der Vereine und Lizenznehmer der drei Profiligen. Es gibt nun, verkürzt ausgedrückt, zwei Möglichkeiten, wie mit dem Urteil umzugehen ist. Martin Kind und Mitstreiter begnügen sich mit der Streichung der Stichtagsregelung. Demnach könnte künftig jeder Investor, der seit mehr als zwanzig Jahren einen Fußballverein substantiell unterstützt, die Stimmenmehrheit der zugehörigen Kapitalgesellschaft übernehmen, wenn der Ligavorstand zustimmt. Darin liegt eine große Gefahr in zweierlei Hinsicht:
Erstens wird die 50+1-Regel damit faktisch aufgeweicht und keineswegs beibehalten, wie es einige Kommentatoren im Nachgang des Urteils behauptet haben. Besonders solange nicht klar ist, unter welchen Bedingungen der Ligavorstand einer Übernahme zustimmen kann, steht zu befürchten, dass es einen Wettlauf um Investoren geben wird. Jeder Verein verfügt über langjährige Sponsoren, die vielleicht selbst gar kein Interesse an einer Kapitalbeteiligung haben, aber schlimmstenfalls als Strohfirmen dienen könnten. So könnte etwa ein kapitalkräftiger Investor, der in den Fußball hinein will, einfach eine Firma übernehmen, die länger als zwanzig Jahre Sponsor ist. Das mag zwar weit hergeholt sein und möglicherweise vom Ligavorstand auch unterbunden werden, aber darüber weiß man derzeit einfach noch nichts!
Zweitens sollten solch zentrale Entscheidungen generell nicht der bloß operativen Verfügungsgewalt eines Ligavorstands obliegen. Sie sind in aller Regel nicht mehr rückgängig zu machen und müssten daher in der Satzung geregelt werden.
Aus diesem Grund wünscht die Interessengemeinschaft Unsere Kurve, dass Ligaverband und DFL über die zweite Möglichkeit nachdenken, die sich aus dem Urteil ergibt: die Streichung der kompletten Ausnahmeregel. Damit wäre dem Gleichbehandlungsgebot Genüge getan. Wenn kein Lizenznehmer mehr als fünfzig Prozent minus eine Stimme veräußern kann, gelten für alle die gleichen Regeln und es gäbe eine „echte 50+1“-Regelung.
Das Problem an der Sache sind die beiden Lizenznehmer, die bislang von der Ausnahmeregel profitieren, also Leverkusen und Wolfsburg. Es wäre der Sache nicht angemessen (und vermutlich auch kein kluger Schachzug), sie durch einen Mehrheitsbeschluss dazu zu zwingen, sich in Vereine umzuwandeln bzw. den Stimmanteil von Bayer und VW unter fünfzig Prozent zu reduzieren. Dennoch regt Unsere Kurve an zu versuchen, eine einvernehmliche Lösung mit diesen Lizenznehmern anzustreben. Zudem soll die DFL (über die Vereine) angehalten werden, dafür zu sorgen, keine weiteren Ausnahmeregelungen mehr zuzulassen. Wenn man einen vereins- und mitgliederorientierten Fußball will – und dazu bekennen sich DFL und Ligaverband – dann muss man diese Richtung zumindest nachdenken. Deshalb: Für eine klare 50+1-Regel, gegen ihre Aufweichung!
Mehr Demokratie wagen? Mindeststandards einhalten!
Zugleich regt Unsere Kurve an, dass sowohl Ligaverband als auch DFB genauer hinsehen, ob die (proklamierten) Zielsetzungen auch tatsächlich umgesetzt werden bzw. wo sie gezielt umgangen werden. Negativbeispiele hierfür sind nicht von ungefähr Hoffenheim und RB Leipzig. Beide sind zwar als Vereine eingetragen und entsprechen den formalen Vorgaben der Mustersatzungen, doch nicht deren „Geist“. Wenn man, wie namentlich der DFB, sich zu „sozialer und gesellschaftspolitischer Verantwortung“ bekennt und sich „in hohem Maße dem Gedanken des Fair Play verbunden“ fühlt, so die Präambel seiner Satzung, dann darf man nicht wegschauen, wenn einige Vereine demokratische Mindeststandards durch ihre Satzungen aushöhlen. In Hoffenheim kann man z.B. nur ordentliches Mitglied sein, wenn bereits vor 2008 dem Verein beigetreten ist, oder aber nach seinem Eintritt fünf Jahre wartet (§3 der Satzung). Erst dann erhält man die vollen Mitgliederrechte, besonders das Stimmrecht. Noch konsequenter in die falsche Richtung geht RB Leipzig: Der Verein wurde mit der Mindestzahl von sieben Mitgliedern begründet, drei – allesamt Manager von Red Bull – bilden einen Ehrenrat, der über die Zulassung weitere Mitglieder entscheidet, eine Ablehnung aber nicht begründen muss. Bei einem Jahresbeitrag von 800 Euro dürfte sich ein Mitgestaltungswille möglicher Vereinsmitglieder, die zudem ein Jahr auf ihr Stimmrecht warten müssen, aber ohnehin in Grenzen halten.
Dieses Vorgehen ist jeweils zwar legal, zielt aber auf eine deutliche Schwächung partizipativer Elemente ab. Es bringt aber nichts, sich zum Vereinsfußball zu bekennen, wenn ganz offensichtlich die damit verbundenen Ideale nicht reproduziert werden. Daher muss auch der DFB angehalten werden, die offensichtliche Umgehung seiner Ziele zu verhindern.
In diesem Sinne sind wir als Fußballfans und Vereinsmitglieder aufgerufen, nach Maßgabe unserer Möglichkeiten für einen Erhalt einer echten Fußballkultur zu werben und zu kämpfen. Wir sind gegen die Aushöhlung des Vereinsideals und gegen Investorenfußball, aber wir sind für gleiche Wettbewerbsbedingungen!
Der Antrag ist im geschlossenen Mitgliederbereich auf www.fc-koeln.de einsehbar!